Der 60-Euro-Irrtum
6.600 Euro für ein IKEA-Bett aus den 80ern. Das "Kromvik" von Knut Hagberg kostete damals umgerechnet 60 Euro. Heute zahlen Sammler das Hundertfache. Klingt absurd? Ist es auch – teilweise. Aber nicht immer.

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In unserer Werkstatt in Düsseldorf landen regelmäßig alte IKEA-Möbel auf dem Arbeitstisch. Und wir können dir eines sagen: Vintage IKEA ist real. Aber der Markt ist auch gnadenlos überhitzt. Lass uns aufräumen mit dem Mythos und zeigen, wo echter Wert steckt und wo du nur für vermeintliche Nostalgie zahlst.
Nach diesem Artikel weißt du, welche IKEA-Klassiker ihr Geld wert sind, woran du echte Qualität erkennst und wie du nicht auf überteuerte Angebote hereinfällst.
Warum ausgerechnet IKEA? Die Geschichte hinter dem Hype
IKEA und Vintage – das passt auf den ersten Blick so gut zusammen wie Fertigteilmöbel und Handwerkskunst. Doch hier liegt der Denkfehler: Nicht alles, was IKEA war, war billig produziert.
Zwischen den 60ern und 90ern arbeitete IKEA mit echten Design-Größen zusammen. Niels Gammelgaard, Gillis Lundgren, Knut Hagberg. Namen, die heute auf Auktionen für Aufregung sorgen. Diese Designer brachten Bauhaus-Prinzipien, Pop-Art-Ästhetik und skandinavischen Minimalismus in erschwingliche Möbel. Der "Impala"-Sessel von Lundgren ist dafür das perfekte Beispiel: Stahlrohre, knallige Farben, klare Linien. Das war damals progressiv, nicht provisorisch.
Was viele nicht wissen: Die Produktionsqualität war eine andere. Der Vintage IKEA-Hype ist also kein reines Nostalgie-Phänomen. Es ist die Wiederentdeckung einer Ära, in der "günstig" nicht automatisch "minderwertig" bedeutete.

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Die 80er-Jahre-Obsession: Warum gerade diese Epoche?
Cord-Polster, knallige Farbtöne, geometrische Formen – die 80er sind zurück. Nicht nur bei IKEA, sondern im gesamten Vintage-Sektor. Und das hat tiefere Gründe als reine Retro-Romantik.
Cordula Meier, Professorin für Kunst- und Designwissenschaft, bringt es auf den Punkt: Die 70er und beginnenden 80er waren eine Krisenzeit: Vietnamkrieg, Ölkrise, politische Unruhen. Trotzdem behielt das Design eine Fröhlichkeit und einen Optimismus bei, der heute fast trotzig wirkt. In Zeiten von Klimakrise und geopolitischen Spannungen sehnen wir uns genau nach diesem unbedarften Mut.
Das sehen wir auch in unserer Kundschaft. Die Leute wollen nicht nur ein Möbelstück, sie wollen eine Geschichte. Einen Anker in ihrem zu Hause. Eine Erzählung aus einer Zeit, die stürmisch, aber doch zu bewältigen war mit den richtigen Ideen und einer ordentlichen Portion Mut. Die 70er und 80er stehen für diese Flexibilität – im Denken und Wohnen. Modulare Regalsysteme wie das "Byakorre" (die Neuauflage des legendären "Guide") verkörpern genau das: anpassbar, persönlich, unkonventionell.
Aber Vorsicht: Nicht jedes orange Sofa aus den 70ern ist automatisch wertvoll. Entscheidend ist die Kombination aus Designer-Name, Materialqualität und Erhaltungszustand.
Der aufgeblasene Markt: Wo Preise absurd werden
2.400 Euro für ein IKEA-Sofa – klingt irre? Haben wir trotzdem verlangt. Und verkauft. Weil wir es neu gepolstert und aufpoliert haben. Der Kunde hat nicht nur für den Sammlerwert gezahlt, sondern auch für 16 Stunden Handarbeit.
Das Problem am aktuellen Markt: Viele Verkäufer verlangen Spitzenpreise für unrestaurierte Originale. Oft übertrieben. Besonders wenn die Metallteile Rost angesetzt haben oder Holzteile Wasserflecken zeigen.
Ein Fehler, den viele machen: Sie verwechseln Seltenheit mit Qualität. Nur weil ein Stück schwer zu finden ist, heißt das nicht, dass es seinen Preis wert ist. Wir haben Anfragen für Teile, die online für vierstellige Beträge angeboten werden – und die bei genauem Hinsehen kaum zu retten sind.
Worauf du achten solltest:
- Zustand der Verbindungen: Verschraubt oder nur geleimt? Noch stabil?
- Materialqualität: Massivholz, Sperrholz oder Pressspan?
- Oberflächenschäden: Oberflächliche Kratzer oder durchgehende Risse und Brüche?
- Funktionalität: Bei Sofas/Sesseln – wie ist die Polsterung wirklich?
Wenn ein Verkäufer keine Detailfotos liefern kann oder will: Finger weg. Seriöse Händler zeigen dir auch die Macken.
IKEA Nytillverkad: Die Neuauflagen im Vergleich
IKEA selbst hat den Trend erkannt und mit "Nytillverkad" eine Retro-Kollektion herausgebracht. Das "Byakorre"-Regal kostet dort ein Zehntel des Vintage-Preises.
Wir haben beide Versionen nebeneinander gehabt: Original "Guide" von 1989 und "Byakorre" von 2025. Auf den ersten Blick identisch. Beim genaueren Hinsehen: ein paar kleine Unterschiede. Das Original fühlt sich massiver an, die Metallteile sind stabiler verarbeitet. Dadurch ist das Regal weniger wackelig.
Übrigens: Viele "Nytillverkad"-Teile sind bei IKEA dauerhaft ausverkauft. Warum, verrät der Konzern nicht. Vielleicht weil die Nachfrage das Angebot sprengt. Vielleicht auch, weil limitierte Verfügbarkeit den Mythos am Leben hält. Wer eines der heißbegehrten "Byakorre" ergattern konnte, hält ziemlich sicher etwas in der Hand, was spätestens 2060 ein Designklassiker sein wird – selbst, wenn es mit dem Original nicht auf ganzer Linie mithalten kann.
Unsere Checkliste – diese IKEA-Klassiker sind wertvoll
Du hast ein Auge auf alte IKEA-Möbel geworfen? Dann könnte sich ein genauerer Blick lohnen. Nicht jedes Teil ist Gold wert, aber ein paar Namen und Details solltest du kennen.
Top-Designer, die Wertsteigerung versprechen:
Niels Gammelgaard (Guide-Regal, diverse Sitzmöbel), Gillis Lundgren (Impala-Sessel, frühe Klassiker), Knut Hagberg (Kromvik-Bett, Statement-Pieces)
Produktionszeitraum:
Alles zwischen 1960 und 1995 ist potenziell interessant. Besonders die 70er und frühen 80er.
Was wirklich Wert hat:
Statement-Designs mit klarer Designsprache. Außerdem limitierte Serien sowie Möbel mit Metall-Holz-Kombinationen.
Lass uns dir ein paar interessante Details über die vintage IKEA-Klassiker, die wir im Sortiment haben, erzählen. Wie du merken wirst, setzen wir vor allem auf Niels Gammelgaard:
Vintage IKEA-Legenden: Die Geschichten hinter den Sammlerstücken
Kromvik Bett (1981) – Der minimalistische Traum aus Chrom
Designed von Knut Hagberg, verkörpert das Kromvik-Bett den Geist der 80er: geometrisch, kühl, kompromisslos. Der schwedische Designer schuf ein Stahlrohrbett, das bewusst mit den gemütlichen Holzbetten der Vorgängerjahrzehnte brach. Die verchromten Rohre und die klare Linienführung erinnern an Bauhaus und die Möbel von Marcel Breuer – aber für den Massenmarkt.

Warum Sammlerstück? Das Kromvik ist ein Statement-Piece, das den Zeitgeist der 80er perfekt einfängt: technoid, optimistisch, zukunftsorientiert. Es war nie ein Bestseller – zu polarisierend. Genau das macht es heute wertvoll. Produziert wurde es nur wenige Jahre, und viele Exemplare landeten auf dem Schrott, weil der Chrom anfällig für Rost ist. Gut erhaltene Stücke sind selten und damit sehr begehrt. Der aktuelle Rekordpreis von 6.600 Euro zeigt: Hier zahlst du nicht nur für Möbel, sondern für ein Stück Designgeschichte.
IKEA PS 1999 Kollektion – Experiment wird Kult
Die PS-Kollektion (Post-Skriptum) war IKEAs Design-Labor: Hier durften Designer experimentieren, ohne Rücksicht auf Produktionskosten. Die PS 1999 brachte ikonische Teile hervor – von der klappbaren Hängeleuchte bis zu modularen Möbeln, die wie Raumschiff-Interieur wirkten.
Warum Sammlerstücke? Die PS-Serien waren limitiert und wurden nie in Massen produziert. Sie zeigen IKEA von einer anderen Seite: mutig, innovativ, designgetrieben statt preisgetrieben. Wer heute ein PS 1999-Teil besitzt, hat ein Stück IKEA-Avantgarde und genau das macht den Wert aus. Diese Möbel waren ihrer Zeit voraus und wirken auch heute noch frisch.
Guide Regal (1985) – Niels Gammelgaards Meisterwerk
Niels Gammelgaard ist einer der Großen im IKEA-Design-Kosmos, und das Guide-Regal ist sein bekanntestes Werk. Minimalistisch, klar und zeitlos. Ein Regalsystem, das sich in jede Wohnung einfügt und trotzdem Charakter hat. Die Kombination aus Metallstreben und farbigen oder weißen und schwarzen Holzböden war damals innovativ. Heute ist das Regal eine Design-Ikone.

Warum Sammlerstück? Form folgt Funktion, nichts ist überflüssig. Es war flexibel einsetzbar – vom Bücherregal bis zur Raumteiler-Lösung und hält ewig, wenn es gut behandelt wird. In unserer Werkstatt hatten wir Guide-Regale, die auch nach 40 Jahren noch standfest und farbenfroh waren. IKEA hat das Design 2025 als Byakorre neu aufgelegt. Ein Zeichen dafür, wie stark die Nachfrage ist. Aber Sammler wollen das Original: die schwereren Stahlstreben, die bessere Robustheit, die leichte Patina der Zeit.
AXVALL Schaukelstuhl (1999) – Space Age trifft Gammelgaard
Der AXVALL Schaukelstuhl ist Niels Gammelgaards futuristischstes und provokantes IKEA-Design. Der Stuhl entstand um 1999 als Teil von IKEAs Experiment-Serie, in der Designer ohne die üblichen Budget- und Massenzwänge arbeiten durften.
Der AXVALL ist pure Space-Age-Ästhetik: Ein übergroßes, scheibenförmiges Stahlrohr-Gestell, das wie ein UFO wirkt. Die Sitzfläche besteht aus einem Netz gespannter Bungee-Seile (elastischer Draht), die sich dem Körper anpassen. Keine Polster, kein Holz – nur Metall und Gummi. Das Gestell ist meist weiß lackiert, seltener in Militärgrün.
Die Form ist radikal: Der Stuhl schaukelt nicht klassisch vor und zurück, sondern wippt in alle Richtungen – eine 360-Grad-Bewegung, die man erst lernen muss. Er ist so weit von einem traditionellen Schaukelstuhl entfernt wie möglich. Genau das war Gammelgaards Absicht.

Warum Sammlerstück?
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Teil der PS-Kollektion – IKEAs Design-Elite Die IKEA PS-Serien waren nie für die Masse gedacht. Sie zeigten, was IKEA kann, wenn Budget keine Rolle spielt. Der AXVALL war nur von 1999 bis Anfang 2000 auf dem Markt – kaum ein Jahr. Das macht ihn zur absoluten Rarität.
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Kompromissloser Futurismus Der AXVALL polarisiert extrem. Viele finden ihn unbequem, zu gewagt, zu "anders". Genau diese Kompromisslosigkeit macht ihn zum Kult-Objekt. Er ist kein Möbelstück für jeden.
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Überraschender Komfort Die Bungee-Seile sind elastisch genug, um den Körper zu stützen und straff genug, um Halt zu geben. Wer sich darauf einlässt, entdeckt einen ungewöhnlich bequemen Sitz – ganz ohne klassische Polsterung. Das Design war seiner Zeit voraus: Heute sind Mesh-Möbel (wie bei modernen Bürostühlen) Standard, damals war es radikal.
Moment Sofa (Niels Gammelgaard) – Der missverstandene Modernist
Das Moment Sofa von Niels Gammelgaard ist eines der kontroversesten IKEA-Designs der 80er – und genau deshalb heute ein begehrtes Sammlerstück. Während andere Designer auf Gemütlichkeit setzten, wagte Gammelgaard das Gegenteil: Ein Sofa, das wie eine Skulptur wirkt.
Das Moment Sofa folgt Gammelgaards charakteristischer Designsprache: klare Linien, Stahlkonstruktion, geometrische Präzision. Das Metallgestell trägt modulare Polsterelemente, die auf das Wesentliche reduziert sind. Keine verspielten Kurven, keine üppige Polsterung. Stattdessen: eine fast industrielle Ästhetik, die Bauhaus und Postmoderne verbindet.
Die Sitzfläche ist straff, die Rückenlehne eher schmal – das Moment war nie als „Kuschel-Sofa" gedacht, sondern als Statement-Piece für Menschen, die Design über Bequemlichkeit stellen. Es ist ein Sofa, das Haltung verlangt. Im doppelten Sinne.

Warum Sammlerstück?
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Polarisierendes Design = Kult-Status Das Moment war kommerziell kein Erfolg. Zu unbequem, zu kühl, zu kompromisslos für den Massengeschmack. Genau diese Kompromisslosigkeit macht es heute wertvoll.
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Niels Gammelgaard auf dem Höhepunkt In den 80ern hatte Gammelgaard bei IKEA freie Hand, zu experimentieren. Das Moment Sofa zeigt ihn auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft: mutig, radikal, unverkäuflich für die Masse – aber perfekt für die Design-Enthusiasten.
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Seltenheitswert Weil das Moment nie ein Bestseller war, wurden nur wenige Exemplare produziert. Heute gibt es kaum noch gut erhaltene Stücke – und die wenigen, die es gibt, werden gehütet wie Schätze.
Fazit: Hype mit Substanz – aber nicht blind kaufen
Vintage IKEA ist kein Marketing-Trick. Die Qualität alter IKEA-Designermöbel ist real, die Nachhaltigkeit auch. Aber es braucht ein geschultes Auge. Der Markt ist überhitzt, und nicht jeder Preis ist gerechtfertigt.
Wenn du in Vintage IKEA investierst: Kauf mit Verstand, nicht mit Emotion. Prüf den Zustand, hinterfrag die Preise, investiere lieber in professionell restaurierte Stücke als in vermeintliche "Schnäppchen" im Originalzustand.
Die wichtigsten Erkenntnisse: Designer-Namen wie Niels Gammelgaard, Knut Hagberg und Gillis Lundgren sind dein Kompass. Produktionszeiträume zwischen 1960 und 1995 versprechen das größte Potenzial. Und der Zustand entscheidet über alles – ein restaurierungsbedürftiges Moment-Sofa ist kein Schnäppchen, sondern ein Projekt.
Was uns in der Werkstatt immer wieder auffällt: Die Leute kaufen nicht nur Möbel, sie kaufen Geschichten. Ein Guide-Regal erzählt von einer Zeit, als IKEA Design über Gewinnmargen stellte. Ein Kromvik-Bett erinnert daran, dass nicht alles jedem gefallen muss. Diese Möbel haben Charakter – und genau das macht sie wertvoll.
Unser Ausblick: Der Markt wird sich beruhigen, aber nicht verschwinden. Die echten Klassiker werden ihren Wert halten, während überteuerte Spekulationsobjekte an Reiz verlieren. Die Nytillverkad-Kollektion zeigt: IKEA selbst hat verstanden, welches Erbe da schlummert. Wer heute ein gut erhaltenes Original besitzt oder klug investiert, hat in 20 Jahren vermutlich ein Museumsstück im Wohnzimmer stehen.


























